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Samstag, 20. Januar 2018   
Besichtigung des Erpeler Tunnel - "Brücke von Remagen" (11.03.2006) 11. März 2006. Gänsehaut. Nicht nur mir sondern auch den anderen Mitgliedern der ungefähr 25-köpfigen Besuchergruppe läuft es kalt den Rücken herunter, als der Bürgermeister von Erpel, Herr Edgar Neustein uns aus dem Tagebuch der Witwe Felten vorliest. Sie beschreibt detailliert und emotional das einzige zivile Opfer, das an jenem 7. März 1945 nach der Überschreitung der Remagener Brücke durch amerikanische Soldaten zu beklagen ist. Es ist der Tod ihres Mannes Willi Felten, ein Schicksal von 12 Millionen. Aber genau an diesem Ort, in diesem Tunnel wo vor fast genau 61 Jahren dieses tragische Schicksal seinen Lauf nahm, dunkel, nur eine Taschenlampe, die das originale Tagbuch, ein altes Poesie-Album von rückwärts beschrieben, beleuchtet und die die Umrisse des Leser erkennen lässt, diese Atmosphäre verfehlt ihre Wirkung nicht.

Es wäre völlig verfehlt diese Situation mit einem "modernen Superlativ" zu beschreiben. In mir steigt vieles von dem auf, was ich über jene grausame Zeit des Krieges weiß. Ich spüre, wie es mich hautnah berührt. Es bedarf auch keiner großen Phantasie, um sich die damalige Situation der Menschen vorzustellen, die sich in diesem Tunnel aufgehalten haben, um ihr nacktes Leben zu retten, Zivilisten wie Soldaten. Die besondere Tragik des Herrn Willi Felten war sicherlich auch, dass er als Eisenbahner kein Soldat war, dass jedoch seine Eisenbahner-Uniform von einem amerikanischen Scharfschützen mit einer Soldaten-Uniform verwechselt wurde. Seine durchschossene Brieftasche ist mehr als ein "stummer" Zeitzeuge. Diese Minuten waren zweifellos die emotionalsten unserer Besichtigung.



Was haben wir eigentlich besichtigt? Eine nüchterne, sachliche Beschreibung könnte so aussehen: der 383 Meter lange Tunnel wurde von 1916 bis 1918 für 2 Gleise durch den Erpeler Ley gebaut. Er weist einen Bogen von 90° auf, damit dieser Abzweig von der rechten Rheinstrecke zuerst diese senkrecht überfahren kann, um dann weiter auf der ehemaligen Ludendorfbrücke ebenfalls senkrecht über den ca. 300 Meter breiten Rhein geführt werden kann. Der Tunnel ist an beiden Eingängen zugemauert. Innen ist er völlig leer. Seine Betonwände sind noch von einer ehemaligen Championzucht weiß gekälkt. Die aus Ziegelsteinen gemauerte typische Runddecke lässt noch Russ-Spuren von Dampfloks erkennen. Von der Brücke sind sowohl auf Erpeler wie auf Remagener Seite die Widerlager mit den jeweiligen Doppeltürmen erhalten geblieben.

Das wär's. Ein Standard-Tunnel wie viele andere auch, nur leer, ohne Funktion, vielleicht noch erwähnenswert die außergewöhnlich hohe Decke und noch ein paar alte Isolatoren und Drahtreste. Eigentlich langweilig. Wäre da nicht die Geschichte und das Wissen um diese besondere Brücke, die vom 7. bis 17. März 1945, als sie in sich zusammenbrach, den Verlauf des 2. Weltkriegs erheblich und unerwartet beeinflusst hat...

Als wir bereits zu Beginn der Besichtigung einen der Türme besichtigt und bestiegen hatten, wurde bei mir bereits der Sinn für diese Geschichts-Trächtigkeit geweckt. Hier jedoch "nur" auf einer sachlichen Wissens-Ebene. Ansätze von Emotionen kamen bei der Vorstellung auf, wie es den Soldaten an den vielen Schießscharten und Fenstern wohl zumute war. Aber diese Phantasie war bei mir noch sehr distanziert.



Aber nicht nur der "Glücksfall" der Geschichte machte diese ehemalige Ludendorf-Brücke bekannt. Weltberühmt wurde die Remagener Brücke durch den gleichnamigen Film aus dem Jahr 1968. Hollywood hat es zwar mit dem authentischen Verlauf nicht so genau genommen, - ein wenig amerikanischer Militär-Heroismus musste die Story veredeln - was aber der so neu gewonnenen Berühmtheit dieser Brücke keinen Abbruch tat. Auch der Drehort war nicht am Rhein, sondern in der ehemaligen Tschechoslowakei. Dort gab es eine fast baugleiche Brück und vergleichbare Örtlichkeit. Ein wenig Kulisse sorgte für verwechselbare Ähnlichkeit. Hier jedoch hätte die "Remagener Brücke" fast einen zweiten berühmten Verlauf der Weltgeschichte genommen. Während der Dreharbeiten, rückten Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein, um dem so genannten Prager Frühling militärisch ein Ende zu setzen. Nun trafen sie auf "Soldaten" in amerikanischen und Nazi-deutschen Uniformen. Eine Katastrophe konnte so gerade noch verhindert werden. Die Dreharbeiten mussten jedoch umgehend abgebrochen werden. Sie wurden übrigens in Hamburg an einer ähnlichen Brücke vollendet. Heute kann man über diese Ironie schmunzeln.

Wenn ich den heutigen Tag für mich zusammenfasse, so ist es mehr gewesen als unsere sonst üblichen Besichtigungen, die mit Eisenbahn zu tun haben. Dass wir dabei noch gut und empfehlenswert in Erpel eingekehrt sind, um Hunger und Durst zustillen, aber auch die Eindrücke zu verarbeiten, sei nur der Vollständigkeit erwähnt. Nein, diese Besichtigung hat mir noch mal deutlich gemacht, dass Eisenbahn mehr ist als ein nüchternes, von Logistik gesteuertes Transportmittel, dass Eisenbahn mehr ist als ein "Spielball" von Politik und Wirtschaft, dass Eisenbahn auch mehr ist als ein Zielobjekt von "verrückt-begeisterten" Hobbyisten. Eisenbahn ist ein Teil unserer allgemeinen Geschichte, die mit vielen, unzähligen persönlichen Einzelschicksalen verbunden ist.

Hartmut Starke

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